KrebsTalk

Kämpfe

Was heißt hier eigentlich „kämpfen“?

Schon an anderer Stelle erwähnt: Freunde, Ärzte, Psychologen, ... eigentlich alle nicht-Betroffenen raten dem Patienten: „KÄMPFE!“

Nur: wie?

Da liege ich und habe Schmerzen von der OP, die Chemo zerreißt gerade meinen Körper, ich kotze mir die Seele aus dem Leib und meine Waage braucht die Zusatzinformation, dass ich überhaupt draufstehe.
Meine Gedanken kreisen darum, ob ich überhaupt jemals wieder aufstehen oder geschweige denn arbeiten kann. Sie drehen sich zu jeder Minute um den Tod. Meinen Tod!
Er kommt vielleicht doch ... schneller als ich ertragen kann ... Schmerzen ... verdammt!
Oder er kommt vielleicht noch nicht.
Aber vielleicht kommt der Krebs nach zwei Jahren wieder.

Die Gedanken toben.

Und ich soll kämpfen? Wie denn?

Der Arzt sagt mir, dass ich wieder auf die Beine kommen soll damit Organe, Kreislauf und Muskulatur wieder erstarken.
Na toll ... es geht mir so schlecht, dass ich mich nicht einmal umdrehen kann!

Der Onkologe sagt mir, dass ich die Chemo unbedingt durchhalten - also kämpfen - soll. Und wenn es doch nicht mehr geht, dann wird eben abgebrochen. Aber es wäre schon sehr gut, wenn ich das durchhalte ...
Wenn nicht, bin ich also ein schwacher, feiger Mensch und sterbe eher oder was?

Der Psychologe sagt, dass ich mir schöne Gedanken machen soll. Mich an die Orte träumen soll, an denen ich mich wohl fühle. Erinnerungen hervorholen, die mir gut tun.
Klar ... wenn der Schmerz mal nicht wie Blitze durch mein Hirn fährt ... gerne!

Mein Ehepartner sagt, dass ich ihn doch nicht allein lassen kann! Er kann nicht ohne mich. Und die Kinder, der Hund, die Eltern, die Geschwister ... sie wollen alle, dass ich lebe!
Tolle Sache ... DAS will ich ja auch! Und was genau soll ICH dafür tun, dass das klappt?

Keine Antwort ...

Der Arzt möchte selbstverständlich unbedingt, dass ich es schaffe, denn das ist das höchste Lob, die schönste Belohnung für seine Arbeit und seine Berufung. Wenn ein Patient stirbt, dann ist das für den Chirurgen und Onkologen so furchtbar: "Habe ich wirklich mein Bestes gegeben? Habe ich versagt? Hätte ich noch mehr tun können? ... "
Aber es liegt nicht allein in deren Hand! Außer deren Handwerk entscheidet tatsächlich noch der Patient zu einem gewissen Teil.

Der Onkologe will, dass es mir gut geht, er will den Rest des „Scheißkerls“, den der Chirurg nicht entfernen konnte, zerstören und mich neu aufbauen. Wenn das nicht gelingt .. siehe oben.

Nur der Psychologe – sorry – redet sich raus. Er hat keinerlei Verantwortung und rappelt sein universitäres Wissen herunter. Meine Gedanken muss ich mir schließlich selbst machen. Er gibt nur Ideen.
Aber keine faktischen Ratschläge, wie ich kämpfen kann!

Meine nächsten Liebsten haben Angst wie ich. Sie wollen nicht, dass ich aus deren Leben gerissen werde, dass ich sie allein lasse mit den Kindern, dem Haus, dem Hund und den trauernden Eltern und Freunden. Das ist ganz schön egoistisch, oder?
Ja, aber das ist doch völlig ok!
Das ist auch ein Beweis der Liebe und Zuneigung, der Zusammengehörigkeit und Partnerschaft.
Aber das ist im Moment kontraproduktiv!
Der Egoismus ist keine Kampfstrategie!

Zwei gegensätzliche Beispiele aus eigener Erfahrung:
Mein hervorragender Chirurg freute sich, dass ich so mental gefestigt bin. Mein Stationsarzt freute sich, dass ich die Zähne zusammenbiss und am zweiten Tag nach der OP den Flur rauf und runter gelaufen bin.
Alle Ärzte freuten sich, dass ich alle ihre Anweisungen penibel und diszipliniert befolgt habe.

Habe ich gekämpft? Nein, ich habe mir Mühe gegeben, den Anweisungen bestmöglich zu folgen.
Gegenbeispiel:
Meiner Frau ging es so schlecht, dass sie sich monatelang nicht einmal aufsetzen, geschweige denn aufstehen konnte. Sie konnte monatelang nicht essen, zeitweise nicht trinken, hatte jahrelang so große Schmerzen, dass diese auf nahezu alle Körperfunktionen Auswirkungen hatte.
Hat Sie gekämpft? Nein, sie KONNTE nicht „kämpfen“!

Wie kann der Patient überhaupt "kämpfen"?

Die beiden Beispiele beschreiben, dass die Unterschiede in vielen, völlig individuellen Gegebenheiten liegen. Man kann von außen zwar leicht sagen, dass man sich anstrengen, kämpfen oder was auch immer soll, aber das geht oftmals einfach nicht.

Diese Gegebenheiten kann nur der Angehörige / Partner nachvollziehen und entsprechend – ACHTUNG – den Patienten in seiner ureigenen, speziellen, individuellen Situation und Möglichkeiten unterstützen.

Der „Kampf“ ist also kein Planspiel auf dem Reißbrett oder aus einem Lehrbuch für Krebs-Heilung, sondern eine individuelle Sammlung von kleinen Aktivitäten, die nur der Patient selbst entscheiden kann.

Es bringt überhaupt nichts wenn der Arzt sagt: „In einer Woche müssen Sie alleine auf die Toilette!“, wenn das einfach nicht machbar ist. Ansonsten fühlt sich der Patient einer Woche als Versager und schlechter als alle anderen, die das angeblich ja schaffen können. Glaubt mir – das ist blanker Unsinn!

Der Patient braucht unbedingt und dringend kleine Erfolgserlebnisse.
Denn er hat durch die Diagnose und die Behandlung das Vertrauen in seinen Körper mehr oder weniger komplett verloren. Dies gewinnt man nur kleinschrittig wieder:
Alleine die Zahnbürste halten, den Waschlappen benutzen, einen Bonbon essen, einen Löffel Wasser trinken. Das können erste kleine Schritte sein, die den Patienten freuen und ihm zeigen:
Ich HEILE ja doch noch!

Der Angehörige darf NIEMALS ungeduldig sein, sondern sich über jeden dieser kleinen Schritte genauso einfach nur freuen.
Er kann Ideen für neue Schritte beisteuern. Aber bitte solche, die der Patient locker schaffen kann.
Es geht hier nicht wie in einem Management-Training darum, über sich hinauszuwachsen, sondern sich selber wieder zu vertrauen.

"Kampf" ist also per se schon einmal ein falsches Wort. Es ist negativ und bedeutet Schaden und Zerstörung.
Ich nenne es lieber Üben, Training, Schaffen. Das klingt positiver und trifft es deutlich eher.

Wenn der Patient gesunden und leben will, wird er es kleinschrittig versuchen. Und dafür braucht er Unterstützung und keine zusätzliche Motivation. Denn der Lebenswille ist doch ohnehin die größte Motivation, oder?
Wenn dieser Wille nicht da ist, können und MÜSSEN Angehörige anders helfen.
Aber das besprechen wir in einem anderen Artikel.